09.01.2022 – Zum Fest des Hl. Sebastianus 2022

Wandlungsfähiger Heiliger oder Heiliger im Wandel?

Von unserem Patron sind eigentlich nur ganz wenige Fakten historisch belegt: Der einzige Nachweis zu Sebastianus als historische Person (und das ist bei Heiligen dieser Zeit schon etwas) ist die Erwähnung im so genannten "Chronograph vom Jahre 354", in dem sein Name bei den Todestagen von Märtyrern und deren Begräbnisstätten aufgeführt ist.

St. Sebastianus, Basilica di Sant' Apollinare Nuovo, RavennaSt. Sebastianus im Zug der Märtyrer, Basilica di Sant' Apollinare Nuovo, Ravenna, Italien Das war es dann auch schon, denn das Dokument enthält keinerlei Hinweis auf sein Leben oder eine Legende. Zunächst wurde Sebastian in Ravenna (ab 402 eine der Hauptstädte des Römischen Reiches) sowie in Spanien und Nordafrika verehrt. Auf den ältesten erhaltenen Darstellungen (z.B. eben aus Ravenna, siehe Mosaik links) aus dem 6. Jahrhundert (entstanden also ca. 250 - 280 Jahre nach seinem Tod) wird er als älterer Mann mit grauen Haaren und Bart sowie dem Siegeskranz eines Märtyrers gezeigt. Doch das ändert sich im Laufe der Zeit ...

Aus der Zeit vom 8. bis 13. Jahrhundert sind nur sehr wenige Darstellungen überliefert, doch dann nimmt die Anzahl von bekannten Fresken, Mosaiken, Gemälden, Glasbildern, Skulpturen o.ä. deutlich zu. Nun setzt sich im Gegensatz zu der bisherigen Darstellung aber das Motiv mit dem (an einen Baum) gefesselten jugendlichen und bartlosen Mann durch, der gerade von Pfeilen durchbohrt wird - so wie es auch heute noch am Verbreitetsten ist.

Zur Erklärung dieser Veränderung gibt es verschiedene Ansätze:

Spätestens seit dem Ende des 7. Jahrhunderts gilt Sebastianus als "Pestheiliger", der mehrmals half, Pestepidemien (z.B. in Städten Italiens) zu beenden. Da seinerzeit die Vorstellung vorherrschte, diese Krankheit würde durch vergiftete Pfeile übertragen, lag es zum einen nahe, einem Märtyrer, der den Beschuss mit Pfeilen überlebt hatte, in diesem Fall anzurufen. Zum anderen verband man sein Martyrüium mit der Vorstellung, dass nur ein jugendlicher und gesunder Mann einen solchen Versuch, ihn durch Pfeile töten zu lassen, überleben konnte. Somit liegt es in einer Zeit, in der nur wenige des Lesens und Schreibens mächtig sind, nahe, den Hl. Sebastian mit diesen zugeschriebenen Attributen bzw. Merkmalen darzustellen.
Der zweite Ansatz stammt aus einer ganz anderen Richtung nämlich der der darstellenden Künstler. Mit einer vergleichsweise komplexen Nahezu-Aktdarstellung ("ging seinerzeit nur für wenige Heilige") eines an einen Baum gefesselten Heiligen war es ihnen viel besser möglich, ihre Fähigkeiten zu demonstrieren. Somit bietet es sicher geradezu an, aus dieser Facette der Legende für die eigenen Zwecke Nutzen zu ziehen.

Das erklärt vermutlich, warum sich diese Darstellung im Laufe der Jahrhunderte durchgesetzt hat. Die erste Wandlung vom alten Mann zum Jüngling ist vollzogen - aber der Wandel noch nicht zu Ende.

St. Sebastianus, Hermann Stenner, 1914Hl. Sebastian, 1914 (Hermann Stenner, Public domain, via Wikimedia Commons) Wir springen nun in das 20. Jahrhundert: In den vergangenen Jahrzehnten haben auch zunehmend Sportler den Hl. Sebastian als Patron "entdeckt" und verehrt. Er wirkt in den bekannten Darstellungen unverwundbar, da dem Gesicht die Schmerzen des Martyriums nicht anzusehen sind. Zudem erscheint seine Schönheit als junger Mann davon unberührt. Die US-Sportlerseelsorge CAC (Catholic Athlete for Christ - was es alles so gibt ...) bezeichnet ihn wegen seiner körperlichen Ausdauer und seiner Tatkraft bei der Verbreitung und der Verteidigung des Glaubens als Vorbild.
Als althergebrachter Schutzpatron gegen die Pest - also einer Epi- oder Pandemie - liegt es nahe, dass er auch als Patron gegen AIDS angerufen wird.
Des Weiteren gewinnt die Sichtweise als (ein) Patron gegen die Feinde des Christentums an Bedeutung, auf Grundlage seines legendären Auftretens gegen mächtige Widersacher, wie seinerzeit den christenhassenden Kaiser (Diokletian). - Seine Unterstützung wird im Sinne der Bekehrung oder zumindest zum Säen von Zweifeln bei Atheisten erbeten.

Alles zusammengenommen haben wir es bei unserem Namensgeber und Schutzpatron weniger mit einem wandlungsf√§higen Heiligen sondern eher mit einem Heiligen im Wandel zu tun, da nur verschiedene Aspekte der Heiligenlegende im aktuellen Zeitgeschehen eine wechselnde Bedeutung erfahren und stärker oder schwächer betont werden.

Auch wenn das Hochamt zum Patronatsfest in 2022 erneut ausfallen muss, dürfen wir dem Hl. Sebastianus in verschiedenster Weise gedenken.

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